
Ein unvergessliches Fest gestern Abend in Berlin:. Die Ullstein Buchverlage feierten im Verlagsgebäude in Berlin Mitte das Erscheinen der Ullstein Chronik (s. auch unser gestriges Sonntagsgespräch mit der Verlegerin Siv Bublitz [mehr…].
Ursprünglich sollte der Band zum hundertjährigen Jubiläum der Ullstein Buchverlage 2003 erscheinen, nun ist er da. Sie habe in den letzten Tagen viele Glückwünsche zum 100. Geburtstag entgegengenommen, sagte Siv Bublitz: „Ich finde auch, wir sehen jünger aus als wir sind.“ Mancher werde sich fragen, wie der Verlag auf die Idee kommen konnte, ausgerechnet am Vorabend der Frankfurter Buchmesse in Berlin zu feiern. Der Verlag habe alles getan, dass sich am Ende des Abends niemand mehr diese Frage stelle, versprach die Verlegerin.
Trotz der bevorstehenden Messe fanden gut 1000 Gäste den Weg ins Ullstein Verlagshaus an der Friedrichstraße. Mit dabei waren auch viele Mitglieder der Familie Ullstein, die zum Teil aus England angereist waren. Einer von ihnen, Bart Ullstein hatte ein großzügiges Geschenk mitgebracht, verriet Siv Bublitz: ein Porträt seines Urgroßvaters Leopold Ullstein. Das Bild des Verlagsgründers hat bereits einen Platz im Musiksaal des Hauses gefunden.
Der Verlag, der 2004 in die Hauptstadt zurückkehrte, sei auf besondere Weise mit Berlin verbunden, hatte Siv Bublitz in ihrer Rede betont. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hatte denn auch sein Kommen zugesagt, doch wegen der Koalitionsgespräche, die anders verlaufen seien als erwartet, musste er seine Teilnahme absagen. Nun werde die A 100 vielleicht länger, der Redeteil des gestrigen Abends aber kürzer, scherzte die gut gelaunte Verlegerin und begrüßte stellvertretend für die vielen andere Autoren David Cornwell alias John le Carré. Obwohl er gerade an einem neuen Roman schreibt, die Verfilmung von Dame, König. Ass, Spion soeben in Großbritannien angelaufen ist, ein Film der im Februar 2012 in die deutschen Kinos kommt, und er erst kürzlich zur Verleihung der Goethe-Medaille in Deutschland war, hatte der britische Schriftsteller die Anreise nicht gescheut.
In einer ebenso klugen wie humorvollen Rede erzählte John le Carré von seinen Erlebnissen in Deutschland und verglich abschließend die Branche in Großbritannien mit der in Deutschland. Er habe sich vor einigen Jahren unbedacht für die Aufhebung der Buchpreisbindung in Großbritannien stark gemacht, gestand er. Rückblickend habe sich das als großer Fehler erwiesen, als Todesstoß für die gebeutelten unabhängigen Buchhandlungen. Doch die deutsche Verlagslandschaft sei aus robusterem Stoff gemacht. „Sie weiß um ihren Wert und um den Wert ihrer Leser“, so John le Carré. Und sie sei von ihrer dunklen Geschichte geprägt. Die lange, wechselvolle Geschichte des Hauses Ullstein lese sich wie eine 100-jährige Biografie des Landes selbst, sagte er im Hinblick auf die schön gebundene Chronik. Niemand wisse den Wert der Redefreiheit besser zu schätzen als derjenige, dem sie schon einmal genommen war, sagte er und fügte im Namen aller Autoren hinzu: „Wir sind dankbare Nutznießer Ihres wieder erstandenen Hauses.“ Das Publikum dankte mit Bravorufen und lang anhaltendem Applaus. Sichtlich bewegt trat noch einmal Siv Bublitz ans Mikrofon und eröffnete die Party: „Für uns Ullsteiner ist dieser Abend schon jetzt unvergesslich.“
Nach den Reden im Festzelt, das im Hof aufgebaut war, feierten die Gäste, darunter Agenten und Autoren aus aller Welt, zahlreiche Verlagskollegen aus der Buch- und Hörbuchbranche, Buchhändler, Kultur- und Medienschaffende in den Verlagsräumen, wo die Mitarbeiter ihre Schreibtische frei geräumt und Platz für Büfetts und Bars geschaffen hatten. Eine logistische Meisterleistung über fünf Etagen.
Fast jeder wollte den 10-minütigen Ullstein Film sehen, der in Endlosschleife lief, so mancher verabredete sich für die Messe, Vertriebsleiterin Stephanie Martin erzählte vom neuen Ullstein-Stand, Peter Scholl-Latour plauderte mit Propyläen Verleger Christian Seeger, Viktor Niemann unterhielt sich mit Sten Nadolny, Markus Klose und Wolfgang Herles steckten die Köpfe zusammen und Jutta Speidel, die mit ihrem Lebensgefährten Bruno Maccallini gekommen war, tanzte ausgelassen zur Musik der King Kamehameha Band. Das Publikum war restlos begeistert und jeder der nach Hause ging, durfte eine Ullstein-Chronik mitnehmen. Spätestens dann fragte sich tatsächlich niemand mehr, wieso Ullstein so kurz vor der Messe in Berlin feierte.
ML







