
Der Wachstumsbereich Elektronisches Publizieren leidet unter Fachkräftemangel. Die Verlage müssen deshalb bei vielen Prozessen immer stärker auf Fachwissen außerhalb ihrer Häuser setzen. „Elektronisches Publizieren stellt hohe Anforderungen, und nicht jeder Verlag hat das Fachpersonal, das dafür notwendig ist“, sagt Arnoud de Kemp (digiprimo), Sprecher des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren, der vor fünfzehn Jahren im Börsenverein gegründet wurde und mittlerweile 600 Mitglieder hat. Aus Mangel an Fachkräften im Bereich Elektronisches Publizieren lagern Verlage zunehmend solche Dienstleistungen aus. Äußerst wichtig ist die Wertung der Informationen, der richtige Umgang mit Suchmaschinen, „die eigentlich Antwortmaschinen heißen müssten“, so de Kemp. Das Branchenbarometer Elektronisches Publizieren, eine Studie des Börsenvereins, die in diesem Jahr zum sechsten Mal in Folge durchgeführt wurde, weist Zahlen aus:
Über die Hälfte der befragten Verlage (59,4 Prozent) greift bei der Herstellung elektronischer Verlagsprodukte auf externe Dienstleister zurück. Ein Grund für diese Auslagerung ist der Mangel an gut geschulten Mitarbeitern in diesem Bereich: In durchschnittlich jedem zweiten Verlagshaus fehlen solche. Gleichzeitig werden die Kunden immer qualifizierter im Umgang mit den neuen Medien. „Nutzer werden zu Experten und fordern Interaktion ein, damit müssen die Verlage lernen, richtig umzugehen“, sagt Jürgen Harth (Hanser Verlag), Mitglied im AKEP-Sprecherkreis. Mittlerweile hat Web 2.0 Einzug in die Verlagswelt gehalten. Für 40 Prozent der Verlage steht fest, dass es die Verlagswelt umfassend verändern wird, weil der Nutzer damit nicht mehr ausschließlich Konsument, sondern gleichzeitig auch Produzent ist. Fast die Hälfte der Verlage sieht die Notwendigkeit, Web 2.0 Elemente wie Blogs, RSS-Feeds und Podcasts in ihre Onlineangebote zu integrieren.
Das Branchenbarometer zeigt, dass großflächig einsetzbare Geschäftsmodelle für elektronische Verlagsinhalte immer noch fehlen. Fast 60 Prozent der Verlage bemängeln das. Rund 42 Prozent der Verlage sind sich deshalb unsicher, ob es zukünftig zu einer Verschiebung von direkten zu indirekten Erlösquellen im Netz kommt. Immerhin 30 Prozent glauben, dass die Zukunft beispielsweise in Werbung oder Transaktionserlösen liegt. „Das kann bedeuten, dass für eine Werbefinanzierung ein Publikationsumfeld geschaffen werden muss, das Neuland für einen Verlag ist“, erläutert Jürgen Harth. „Und der Verlag steht plötzlich in Wettbewerb mit Dritten, die nicht aus der Verlagsbranche kommen.“ Für viele Verlage sei dies eine neue Herausforderung.
Auf Fragen nach der Entwicklung des digitalen Buches antwortet de Kemp, dass es laut wissenschaflicher Studien wenig sinnvoll ist, Bücher am Bildschirm zu lesen. Das menschliche Gehirn ist auf Decodierung von Schrift eingestellt, die Decodierung am Bildschirm wird eher als unangenehm empfunden. „Bildschirm-Bücher“ bleiben nach diesen Studien weniger im Gedächtnis als jene aus Papier. Dennoch: die Hauptfrage ist, wie Content sinnvoll verarbeitet, aufbereitet und bereitgestellt werden kann. De Kemp sieht in seinen Zukunftsvisionen eher Druckmaschinen in Buchhandlungen, mit denen das Gewünschte und im Computer Gefundene schnell und lesegerecht ausgedruckt werden kann. Außerdem weist er auf die Bedeutung der Medienneutralität hin und spricht in diesem Zusammenhang als Beispiel das Problem der Langzeitarchivierung an, die die Aufgabe hat, Publikationen für Generationen zu speichern und zugänglich zu halten.
Das Branchenbarometer Elektronisches Publizieren 2007 ist eine Onlinebefragung der Mitgliedsverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die komplette Studie kann unter www.boersenverein.de heruntergeladen werden. JF







